Jacques Tilly über Scherz, Satire, und tiefere Bedeutung.

Jaques Tilly, der Mann mit dem Feldherrn im Namen und dem Schalk im Nacken

Drunter macht er´s nicht! Für den Düsseldorfer und Großplastiker Jacques Tilly müssen es schon die wirklich großen Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sein. Nur daran kann er sich wirklich reiben und nur dadurch werden seine Plastiken auf Motto- oder Protestzug-Wagen nicht nur groß, sondern eben auch großartig. Wie heftig ihm manche Mißstände, Verfehlungen oder Schweinereien auf den Zeiger gehen, kann jeder sofort erkennen, der die komprimierten Kunstwerke aus Drahtgerüst und Pappmaschee auf sich zukommen sieht. Schon von Weitem ist dem Jecken am Zoch, aber auch dem Zuschauer der TV-Übertragung und selbst dem Betrachter von Dokumentationen seiner Werke für politische Kampagnen zweierlei klar: 1. Da kommt ein Tilly. 2. Genau so sieht´s aus! Nicht überall darf Karneval, was Jacques Tilly sich in Düsseldorf leisten kann. Muß aber auch, denn Karneval ist Scherz, Satire und tiefere Bedeutung in seiner schönsten Form: Direkter Dialog mit einem Statement, das närrisch kommt, aber politisch geht.

Konrad Buck: Beste Reaktion auf deine Wagen zum Rosenmontagszug 2019?

Jacques Tilly: Ich hatte ein Life-Interview mit dem italienischen Staatsfunk RAI, und die italienische Journalistin meinte, dass „ganz Italien“ über meinen Salvini-Wagen spräche. Und auch Salvini himself postete den Wagen. Es hat ihm wohl gefallen, im deutschen Karneval dabei zu sein – obwohl der Wagen gewiss nicht vorteilhaft für ihn war. An seinen gigantischen Brüsten nuckelten zwei hässliche Babies mit den Aufschriften „Nationalismus“ und „Rassismus“. Der Wagen ist in Italien voll eingeschlagen – obwohl die Italiener selbst einen starken Karneval haben. Aber die Düsseldorfer Wagen gehen eben weiter, sind härter als alle anderen.

Kurz nach Rosenmontag fuhr ein Karnevalswagen von dir in Düsseldorf auf einer „Fridays for future“-Demo. Was fasziniert dich an den Kids?

In der Tat war dieser Wagen ja eine Art Werbewagen für die weltweit streikenden Schüler. Mit Greta Thunberg haben sie ja eine glaubwürdige und faszinierende Galionsfigur. Und so dominiert eine recht empörte Greta den Wagen, auf dem sie zwei Vertretern der „Erwachsenengeneration“ die Ohren lang zieht. Die Schüler mussten ja eine Güterabwägung vornehmen. Es stand die Schulpflicht gegen die Verpflichtung, in Sachen Klimaschutz als „betroffene“ Generation endlich wirksamen Druck zu machen. Und die streikenden Schüler haben hier völlig richtig entschieden. Für welche Zukunft sollen sie auch lernen, wenn sie Ihnen durch uns, die heutige und recht verantwortungslose Generation, die noch immer uneingeschränkt die fossilen Brennstoffe verpulvert, genommen wird? Wenn ich heute jung wäre, dann wäre ich auch voll und ganz dabei. Jetzt heißt es, weitermachen, die Sache bloß nicht einschlafen lassen. Aber die Schüler wissen schon, was sie tun und was richtig ist, da habe ich volles Vertrauen. Weiterhin hat mich gefreut, dass Greta Thunberg auch „ihren“ Wagen postete, mit den schönen Worten: „This is the kind of clarity and energy we need now“.

In welchem Netzwerk arbeitest du für Wandel zum Besseren?

Mich hat schon als junger Mensch eine Äußerung Voltaires zum Grübeln gebracht, in der er sinngemäß beklagt, dass törichte Fanatiker ohne Ende Narrensekten gründen, es uns aber nicht gelingt, eine kleine Schule der Vernunft auf die Beine zu stellen. Doch inzwischen ist das gelungen, wie es scheint: Die Giordano Bruno-Stiftung (GBS) ist eine Denkfabrik der Aufklärung und des zeitgemäßen Humanismus. Hier sind Menschen unterschiedlichster Herkunft – Philosophen, Wissenschaftler, Künstler, Juristen usw. -zusammengekommen, um sich gemeinsam gegen religiösen Irrationalismus und für ein faktengestütztes, humanistisches Welt- und Menschenbild einzusetzen. Ich bin Mitglied des Kuratoriums der GBS und freue mich, dass ich starke Mitstreiter gefunden habe, die meine Werte teilen. So habe ich nicht das Gefühl, allein auf weiter Flur zu streiten.

Wie wirken Großplastiken nach ihrem Einsatz weiter?

Erst einmal werden sie an Rosenmontag und in den Tagen danach von der internationalen Presse aufgegriffen, dieses Mal sogar in weit über 1.000 Artikeln auf allen Kontinenten dieser Erde. Das ist schon einmal was, viele Millionen Menschen nehmen sie also wahr. Weiterhin ist für einige Wagen die Lebenszeit auch nach dem Rosenmontagszug noch lange nicht um. Schon drei Wagen habe ich nach England exportiert, um sie gegen den bescheuerten Brexit einzusetzen. Und mehrere Wagen gingen bisher nach Polen, um ganzjährig gegen die demokratiefeindliche, rechtskonservative Regierung zu demonstrieren. Dass meine Arbeiten in den betroffenen Ländern selbst wirken, ist eine neue Entwicklung, die mich ungemein freut und motiviert. Ein Bild sagt halt mehr als tausend Worte, das ist keine Binsenweisheit, sondern meine hundertfach bestätigte Erfahrung. Die mediale Durchschlagskraft meiner Wagen in diesen Ländern ist enorm. Vergleichbares gibt es sonst nicht.

Derzeit brauchen wir offenbar permanent Karneval. Gibt’s einen Weg zurück ins Normale, Schöne, Wahre?

Tucholsky hat gesagt, dass der Satiriker ein gekränkter Idealist ist, der sich die Welt gut wünscht und deshalb gegen sie anrennt. Doch einen idealen Zustand, ohne Fehlentwicklungen und Defizite, wird die Menschheit wohl kaum hinbekommen, da bin ich Realist, kein Utopist. Deshalb wird den Gesellschaftskritikern die Arbeit nicht ausgehen. Einerseits ist das schade, weil ein idealer gesellschaftlicher Zustand wohl nie erreicht werden wird. – Doch eine absolut perfekte Gesellschaft ist wohl selbst eine Dystopie. Andererseits sind all die Trumps, Erdogans, Salvinis oder Bolsonaros natürlich eine traurige, aber wahre Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Spötter und Witzbolde aller Art. Die rechtspopulistischen bis rechtsextremen neuen „Führer“ bieten mit ihrem rückwärtsgewandten, faschistoiden und unmenschlichen Autoritarismus eine einzigartige Angriffsfläche, die uns liberalen Freigeistern die Arbeit sehr erleichtert. Schlechte Zeiten sind goldene Zeiten für Satiriker, so ist das nun mal.

Nützliche Links:

Jacques´Großplastiken

Bei einer Veranstaltung des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes in der Jazz-Schmiede traf ich den Tilly…

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